Behördentätigkeit als Horizonterweiterung

Mitarbeit in einer politischen Behörde? Nichts lag mir vor gar nicht so langer Zeit ferner. Beruflich engagiert und absorbiert kannte ich Küsnacht über viele Jahre nur als meinen, allerdings sehr privilegierten, Wohnort. Gut, dass sich das geändert hat. Seit einigen Monaten arbeite ich in der Schulpflege und lerne so andere Seiten von Küsnacht kennen.

Im Sommer 2018 setzte sich die Schulpflege neu zusammen. Seither haben wir einige Themen angepackt und stecken mitten in der Arbeit. An einer Klausursitzung entschieden wir uns ein Leitbild zu entwickeln, keinen Papiertiger, sondern ein Instrument, hinter dem alle Beteiligten stehen können. Dass der Prozess der Erarbeitung fast wichtiger als das Endprodukt ist, darüber sind wir uns, wie mir scheint, einig, in diesem Fall sind dies nebst der Schulpflege auch die Schulleitungen, Lehrpersonen und die Schulverwaltung. Eine Projektgruppe mit dem Arbeitstitel „Tagesschule Küsnacht“ wurde ins Leben gerufen; sie soll bis zum kommenden Sommer aufzuzeigen, wie eine Tagesschule in unserer Gemeinde umgesetzt werden könnte. Es ist spannend und herausfordernd an Themen zu arbeiten, die ja über eine vierjährige Amtsperiode hinaus Bestand haben müssen. Das setzt voraus, dass die Beteiligten konstruktiv an die Projekte herangehen, die unterschiedlichen Positionen respektieren und immer den Weg zum Konsens suchen.

Jedem Mitglied der Schulpflege ist ein Schulhaus zugeordnet. In meinem Fall ist dies die Sekundarschule. Als ehemalige Berufsschullehrerin bin ich interessiert zu erfahren, was für ein Wissen eigentlich die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe erwerben, bevor sie dann eine Berufslehre machen, falls sie nicht eine weiterführende Schule besuchen. Ich selber habe nicht die Direttissima ins akademische Leben genommen, sondern zuerst die Sekundarschule absolviert. Was für Welten zwischen dem Frontalunterricht zu meinen Zeiten und der Anschaulichkeit, mit der Lerninhalte heute vermittelt werden! Eine Vielzahl von Lernformen erlaubt es den Schülerinnen und Schülern aktiv den Unterricht mitzugestalten und es gibt kaum Anlass, einfach zum Fenster hinaus zu träumen. Nicht zuletzt helfen die jetzigen Lernformen, dass junge Menschen den so wichtigen sozialen Umgang untereinander einüben. Praktisch alle Lehrerinnen und Lehrer habe ich in diesem Jahr besucht und Einblick in die unterschiedlichsten Fächer erhalten – in manchen wäre ich ganz gerne einige Stunden geblieben, weil ich nämlich auch noch einiges hätte lernen können.

Meine Berufszeit als Lehrerin und Abteilungsleiterin konfrontierte mich mit Fragen um  einen geordneten, disziplinierten Unterricht, angefangen beim pünktlichen Schulbeginn bis zur Ordnung in der Pause und im Schulzimmer selbst, vor allem bei grossen Klassen. Ich will hier keine Noten verteilen, aber die Sekundarschule Küsnacht würde eine gute erhalten.

Seit letztem Sommer ist Küsnacht ja eine Einheitsgemeinde. Seither ist ein Mitglied der Schulpflege in die Sozialkommission delegiert. Dies ist nochmals eine ganz anders geartete Aufgabe, die mir Einblick in Lebensverhältnisse gibt, die nicht unbedingt auf den ersten Blick in Küsnacht sichtbar sind. Die Aufgabe der Sozialkommission besteht im Wesentlichen darin, die wirtschaftliche Situation von Sozialhilfebezügern zu beurteilen. Die dafür sehr wichtige Vorarbeit wird von der Abteilung Gesellschaft geleistet, die uns die Dossiers zu den einzelnen Personen vorlegt. An den dreiwöchentlich stattfindenden Sitzungen debattiert und diskutiert die Sozialkommission, bis wir einen Konsens oder Kompromiss gefunden haben. Nicht jedes Mal fällt dies leicht, gibt es doch einerseits klare Rahmenvorgaben, anderseits aber auch einen Spielraum, in dem es abzuwägen gilt, was im einzelnen Fall gerecht und gerechtfertigt ist.

Behördentätigkeit als Horizonterweiterung? Nach den Erfahrungen der letzten Monate kann ich dies nur bestätigen. Nie hätte ich gedacht, dass sich so Vielfältiges und Interessantes hinter Begriffen wie „Schulpflege“ oder „Sozialkommission“ verbirgt.

 

Brigitte Stucki Weiss, Schulpflege, parteilos

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Waltraud Müller